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Pressemitteilung Josef Kaiser | Berlin, den 27.8.26

Presseinformation

Josef Kaiser (1910–1991) zählt zu den prägenden Architekten der DDR und ist dennoch weitgehend unbekannt. Mit „Bauen für die DDR“ widmet ihm die Berlinische Galerie die erste umfassende Ausstellung. Zwischen 1950 und 1984 war Kaiser an zahlreichen staatlichen und kommunalen Projekten beteiligt, darunter in Berlin das Kino International, das Café Moskau und die Mokka-Milch-Eisbar an der heutigen Karl-Marx-Allee. Seine Bauten fanden auch international Beachtung und galten als Ausdruck des kulturellen Selbstverständnisses der DDR, viele stehen heute als herausragende Beispiele der Nachkriegsmoderne unter Denkmalschutz. Kaiser hinterließ nicht nur in Berlin Spuren, sondern auch in weiteren Städten Ostdeutschlands, etwa mit dem Kulturhaus Maxhütte im thüringischen Unterwellenborn oder dem Wohnkomplex II in Eisenhüttenstadt.

Die Ausstellung eröffnet Zugang zu dem umfangreichen, erst jetzt in öffentlichen Institutionen verfügbaren Archivmaterial und versteht sich zugleich als Ausgangspunkt für eine weitere wissenschaftliche Auseinandersetzung. Teils noch nie gezeigte Zeichnungen, Collagen, Fotografien, Modelle und Filme aus dem Bestand der Berlinischen Galerie sowie aus nationalen Sammlungen rekonstruieren Leben und Wirken des Architekten und beleuchten politische wie ästhetische Spannungsfelder. Zeitgenössische künstlerische Positionen von Veronika Kellndorfer, Karsten Konrad und Tracey Snelling erweitern den Blick und eröffnen neue Perspektiven auf das architektonische Erbe der DDR als Teil der deutsch-deutschen Baugeschichte.

Josef Kaisers architektonisches Schaffen reichte von Kulturbauten über Wohngebäude bis zu stadträumlichen Ensembles und Sonderbauten. In einer Zeit, in der sich das Bauen zwischen politischen Programmatiken, städtebaulichem Experiment, Tradition und internationaler Moderne bewegte, entwickelte er eine eigene architektonische Handschrift, die funktionale Klarheit mit repräsentativer Geste verband. Seine Berliner Bauten im zweiten Bauabschnitt der Karl-Marx-Allee stehen exemplarisch für den Wandel der Architektur in der DDR von einer monumentalen zu einer technisch-modernen, alltagsorientierten Formensprache.

Laufbahn über drei politische Systeme

Kaisers berufliche Entwicklung als Architekt erstreckte sich über drei politische Systeme. Ausgebildet in Prag während der Zeit der Weimarer Republik arbeitete er in seinen frühen Berufsjahren während des Nationalsozialismus in Weimar und Berlin. Nach einer fünfjährigen Tätigkeit als Operettensänger und einem Entnazifizierungsverfahren setzte er 1950 seine Laufbahn in der DDR fort. Dort wurde er schnell in die entstehenden Institutionen eingebunden, mit Nationalpreis und Verdienstorden geehrt und zu einem der einflussreichsten Architekten des Landes.

Während im Nationalsozialismus der Architekt eher als individuelle schöpferische Persönlichkeit inszeniert wurde, war dessen Tätigkeit in der DDR wesentlich stärker in institutionelle Strukturen eingebettet und von kollektiven Planungs- und Bauprozessen geprägt. Kaiser arbeitete von 1956 bis 1968 eng mit einem festen Kollektiv zusammen. Sein individualistischer Arbeitsstil fügte sich dabei nur bedingt in die geforderten Arbeitsweisen ein. Spätere vereinzelte Versuche, sich freiberuflich zu etablieren, blieben erfolglos. Die vorgestellten Projekte werden aus Gründen der Referenzierbarkeit unter Kaisers Namen geführt, ohne damit eine alleinige Urheberschaft zu behaupten.

Neubewertung nach 1990 und aktuelle Diskurse

Nach 1990 führten die Ablehnung serieller DDR-Architekturen und veränderte ästhetische Vorstellungen dazu, dass bedeutende Bauten Kaisers, darunter das Hotel Berolina, das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten und das Centrum Warenhaus, umgestaltet oder abgerissen wurden. Angesichts ökologischer Anforderungen ist die Frage nach dem Umgang mit bestehender Bausubstanz heute drängender denn je. Dass Kaisers Bauten zwischen Rückbau, Umnutzung und Denkmalschutz verhandelt werden, verleiht der Ausstellung eine Aktualität, die über das Architekturhistorische hinausweist. Sie steht in einer Reihe von Projekten der Berlinischen Galerie, die seit mehr als zwei Jahrzehnten das bauliche Erbe der DDR als wichtigen Bestandteil der deutschen Architekturgeschichte erforschen und neu bewerten.

Das begleitende Symposium „Sichtbarwerden. Josef Kaiser und die Architekturen der DDR“ am 22. Januar 2027 in Kooperation mit dem Landesdenkmalamt Berlin und dem Leibniz-
Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) vertieft die Ausstellung. Es beleuchtet Kaisers Werk architekturhistorisch und kulturpolitisch, fragt nach dem Verhältnis von kollektiven Planungsstrukturen und künstlerischem Anspruch und untersucht, wie DDR-Architektur seit 1989 wahrgenommen und erinnert wird.

Rundgang durch die Ausstellung

Die Ausstellung gliedert sich auf rund 200 m² in vier thematische Abschnitte und einen Prolog. Zu sehen sind rund 100 Werke und Archivalien. Mit Ausnahme der Kunstpräsentationen stammen sie überwiegend aus Kaisers Privatnachlass, der die Jahre 1931 bis 1984 umfasst und seit Kurzem in der Berlinischen Galerie sowie im Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) aufbewahrt wird. An den Wänden sind Originalpläne, Collagen und Fotografien zu sehen, thematisch zugeordnete Tische laden mit Modellen, Filmen und Materialien zur vertiefenden Betrachtung ein.

Künstlerische Positionen

Drei künstlerische Positionen eröffnen Zugänge zu zentralen Fragen der Auseinandersetzung mit Kaisers Werk.

Veronika Kellndorfer interpretiert in ihrer Arbeit „Reflection MOCKBA“ (2026) das Café Moskau neu. Der keramische Siebdruck auf Glas thematisiert die Wechselwirkung von Architektur,
Bild und Wahrnehmung.

Karsten Konrad transformiert in „D(DRaußen)“ (2005) das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten in ein skulpturales Erinnerungsobjekt und reflektiert die Fragilität des kollektiven Gedächtnisses sowie die fortwährende Aushandlung von Geschichte im Stadtraum.

Tracey Snelling untersucht in „Großhügelhaus“ (2026) die unrealisiert gebliebene Vision einer sozialistischen Stadt, wie sie in der DDR entwickelt wurde, und verbindet Video, Sound und fiktive Bewohner*innen zu einem lebendigen Porträt von Kaisers Zukunftsentwurf.

Darüber hinaus bewegen sich ausgewählte Fotografien von Sibylle Bergemann, Sven Hagolani, Marko Kitzler, Ute Mahler, Arno Fischer und Schnepp Renou im Spannungsfeld von Dokumentation, Deutung und Inszenierung.

Neoklassizistische Entwürfe

Der erste Bereich widmet sich Kaisers Frühwerk in der DDR. Im Zentrum steht das Kulturhaus Maxhütte in Unterwellenborn (Thüringen), das Kaiser ab 1951 in der Meisterwerkstatt von Hanns Hopp entwickelte. Originalpläne, Modelle und Fotografien machen einen aufschlussreichen Wandel sichtbar. Kaisers ursprünglicher, an Mart Stam und Hans Poelzig orientierter Entwurf wurde von der DDR-Führung abgelehnt. Der schließlich realisierte Bau zeigt deutlich, wie staatliche Leitvorstellungen künstleri-
sche Entscheidungen prägten. Der Erfolg führte 1952 zu Kaisers Berufung als Chefarchitekt nach Fürstenberg (ab 1953 Stalinstadt, heute Eisenhüttenstadt), der „ersten sozialistischen
Stadt“ der DDR. Dort verantwortete er den Wohnkomplex II sowie weitere Bauten. Ergänzende Entwurfsbeispiele aus Studium und früher Berufspraxis, darunter Arbeiten aus Prag (1935), Weimar (um 1937) und Berlin (1939), beleuchten die stilistischen Prägungen, die Kaisers spätere Karriere vorbereiteten.

Aufbruch in die Moderne

Der zweite Bereich dokumentiert Kaisers stilistischen Wandel und seine prägendsten Berliner Projekte der Jahre 1956 bis 1968. Ausgangspunkt ist das Kino
Kosmos (1956), an dem der staatlich forcierte Übergang von neoklassizistischen zu modernen Bauformen ablesbar wird. Pläne, Fotografien und ein Modellnachbau veranschaulichen, wie Kaiser auf die neue architektonische Orientierung der DDR reagierte und ihr eine eigenständige gestalterische Form verlieh.

Gemeinsam mit Werner Dutschke und Edmund Collein setzte sich Kaiser kurz darauf im Wettbewerb um den zweiten Bauabschnitt der Stalinallee (heute Karl-Marx-Allee) durch. Ihr Entwurf verband typisierte Lösungen mit einer eigenständigen modernen Formensprache, erhielt den Nationalpreis II. Klasse und fand internationale Beachtung. Kaiser entwickelte dabei die Typengrundrisse des eingesetzten Hochhaus-Fertigteilsystems und leistete einen Beitrag zum seriellen Wohnungsbau der DDR, der funktionale Standardisierung mit architektonischem Anspruch verband.

Das Kino International, Hotel Berolina und das heutige Café Moskau bilden als bekannteste Berliner Bauten Kaisers den Höhepunkt dieses Kapitels. Ein Filmausschnitt von der Eröffnung des Kino International 1963 sowie ein original erhaltenes Stück des Paillettenvorhangs vermitteln die repräsentative Inszenierung dieser Architektur.

Bislang unbekannte Materialien belegen zudem Kaisers freiberufliche Tätigkeit im Westen Deutschlands mit einem Wettbewerbsentwurf für die Beethovenhalle in Bonn (1954) sowie realisierten Wohnhäusern in Essen, Mannheim und West-Berlin, zudem Skizzen und Modell zu zwei Wohnhäusern, die um 1959 in Ost- und West-Berlin entstanden.

Ein selten gezeigter Entwurf für die Erweiterung des Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten (1977), wird ergänzt durch eine Fotografie von Sibylle Berge- mann, die den Abriss des Gebäudes 1995/96 festhält.

Vision und Wirklichkeit

Der dritte Bereich widmet sich Kaisers visionären Entwürfen für die sozialistische Stadt der Zukunft. Im Mittelpunkt stehen Studien zu Megastrukturen, in denen Kaiser dem internationalen Diskurs über städtebauliche Verdichtung eine eigenständige „sozialistische“ Antwort entgegensetzt. In den 1970er Jahren war Kaiser als Berater bei Sonderbauprojekten von nationaler Bedeutung tätig, darunter die Neubauten von Friedrichstadt-Palast und Palast der Republik. Dieses bislang wenig beachtete Kapitel seines Schaffens wird hier erstmals ausführlicher beleuchtet.

 

Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft von Elisabeth Kaiser, MdB, Staatsministerin, Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland.

Sie wird unterstützt durch die Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt Berlin. 

Der Katalog zur Ausstellung ist ein gemeinsames Projekt der Berlinischen Galerie und der Wüstenrot Stiftung.

Die Restaurierung der Originalobjekte unterstützte das Büro Sauerbruch Hutton.

In Kooperation mit dem Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS), Erkner e.V. und dem Landesdenkmalamt Berlin.

 

Kontakt
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Landesmuseum für Moderne
Kunst, Fotografie und Architektur
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10969 Berlin

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berlinischegalerie.de

Eintritt 12 €, ermäßigt 7 €
ab 9.10.: 14 €, ermäßigt 7 €
Jeder 1. Mittwoch im Monat
7 € Eintritt für alle
Mi – Mo 10 – 18 Uhr
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