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Josef Kaiser. Bauen für die DDR (28.8.26 – 1.2.27)

Ausstellungstexte

Zur Ausstellung

Josef Kaiser (1910–1991) zählt zu den prägenden Architekten der DDR und ist doch wenig bekannt. Zwischen 1950 und 1984 war er an zahlreichen staatlichen und kommunalen Bauprojekten beteiligt. Im Spannungsfeld von politischen Vorgaben, städtebaulichem Experiment, Tradition und Moderne entwickelte er in unterschiedlichen Kollektiven eine unverwechselbare architektonische Handschrift. Darin verbanden sich funktionale Klarheit und repräsentative Geste. Zu seinen wichtigsten Berliner Bauten zählen das Kino International, das spätere Café Moskau und die Mokka-Milch-Eisbar an der Stalinallee (heute Karl-Marx-Allee). Sie stehen exemplarisch für den Wandel der Architektur in der DDR von monumentaler Repräsentation hin zu einer offenen, am International Style orientierten Gestaltung. Bis heute beeindrucken sie durch großzügige, lichtdurchflutete Räume, elegante individuelle Fassaden und ihre selbstverständliche Gebrauchstauglichkeit.

Kaiser plante Architektur nicAnzeigenht isoliert, sondern als Teil des städtischen Alltags. Entlang der Stalinallee verband er gemeinsam mit den Architekten Werner Dutschke und Edmund Collein die Bereiche Wohnen, Versorgung und Kultur und vereinte damit zentrale Prinzipien der Moderne mit den städtebaulichen Leitbildern der DDR. Es entstanden Bauten, die über ihre Entstehungszeit und über die Landesgrenzen hinaus Beachtung fanden.

Kaisers Architekturerbe wurde nach 1989 vielfach infrage gestellt, vernachlässigt oder zerstört. Heute wird es als Teil der deutsch-deutschen Baugeschichte neu betrachtet. Ausgehend von seinem Nachlass in der Sammlung der Berlinischen Galerie eröffnet die Ausstellung mit künstlerischen Positionen zeitgenössische Perspektiven auf das Werk.

Rückkehr zur Moderne

Mit dem Volksaufstand am 17. Juni 1953 und der anhaltenden Wohnungsnot geriet die Baupolitik der DDR in eine Krise. Das geltende neoklassizistische Leitbild setzte auf monumentale Formen und „Nationale Tradition“. Bei knappen Ressourcen und einem dringenden Wohnraumbedarf ließ sich diese Vision jedoch nicht länger aufrechterhalten.

Nikita Chruschtschow leitete 1954 mit seiner Rede zur Industrialisierung des Bauens den Kurswechsel ein. Auch in der DDR sollte nun besser, billiger und schneller gebaut werden. Industrialisierung, Typisierung und standardisierte Bauelemente rückten in den Mittelpunkt. Zugleich kehrte die Architektur zur Moderne der Zwischenkriegsjahre zurück. An die Stelle historisierender Repräsentation traten sachliche Formen, reduzierte Fassaden und eine stärkere Orientierung an Funktion und Gebrauch.

Josef Kaiser war an diesem Wandel unmittelbar beteiligt. Sein Entwurf für das Filmtheater Kosmos setzte früh ein markantes Zeichen der neuen Richtung. Im Kontrast zur umgebenden Architektur verzichtet der Bau auf Bezüge zur Vergangenheit und zeigt Kultur als zeitgemäßes, urbanes Ereignis. Als Großraumkino an der Stalinallee (heute Karl-Marx-Allee) sollte das Kosmos Modernität, Öffentlichkeit und eine „kulturvolle Lebensweise“ architektonisch sichtbar machen.

Modernität im Eiltempo:
Der II. Bauabschnitt der Stalinallee

Die heutige Karl-Marx-Allee steht wie kaum eine andere Straße in Berlin für den Wandel städtebaulicher und architektonischer Leitbilder in der DDR. Der monumentale Boulevard mit seinen Wohn- und Gesellschaftsbauten beeindruckt bis heute als geschlossen erhaltenes Zeugnis des Systemwettstreits zwischen Ost und West.

Mit rund 4.600 Wohnungen übertraf der zweite Bauabschnitt in seiner Dimension sowohl den ersten Bauabschnitt der Stalinallee als auch das nahezu zeitgleich im Westteil Berlins errichtete Hansaviertel gemessen an Größe und Bautempo. Das Großprojekt setzte Maßstäbe für den industriellen Wohnungsbau und markierte zugleich den Übergang vom repräsentativen Sozialistischen Klassizismus der frühen 1950er Jahre zu einer sachlicheren, modernen Formensprache.

Auf Grundlage des Bebauungsplans von Werner Dutschke und Edmund Collein realisierten Josef Kaiser und sein Kollektiv die Gebäude dieses Bauabschnitts und erlangten damit internationale Aufmerksamkeit. Während die Gebäude des ersten Abschnitts noch in traditioneller Ziegelbauweise und im Stil des sogenannten Sozialistischen Klassizismus errichtet wurden, entstanden die Neubauten nun aus standardisierten, industriell gefertigten Plattenbauteilen. Kaisers gestalterische Freiheiten waren durch Sparzwang, Typisierung und technische Vorgaben begrenzt. Umso größere Bedeutung gewann für ihn das Zusammenwirken der Bauten im Stadtraum. Er verstand das Haus nicht allein als Einzelwerk, sondern als Teil einer Gesamtanlage. Der Gefahr einer monotonen Gestaltung begegnete er mit Farbe, Kunst am Bau und plastischen Fassadenelementen.

Neoklassizistische Entwürfe für den jungen Staat

Mit der Gründung der DDR am 7. Oktober 1949 sollte eine eigenständige sozialistische Architektur den neuen Staat repräsentieren. Die als „formalistisch“
kritisierte Moderne wurde zugunsten der an der Sowjetunion orientierten „Nationalen Tradition“ verdrängt. Prachtvolle, neoklassizistische Bauten sollten den sozialistischen Aufbau sichtbar machen. Neben dem I. Bauabschnitt der Berliner Stalinallee (heute Karl-Marx-Allee) wurden vor allem neue Industriestandorte zu Vorzeigeprojekten dieser Architektur. Dem Ausbau der Eisen- und Stahlindustrie kam dabei eine Schlüsselrolle zu. Nach dem Zweiten Weltkrieg verfügte die DDR nur noch über ein Stahlwerk im thüringischen Unterwellenborn. Bedeutende Produktionsstandorte waren an Polen gefallen, Stahlimporte aus der BRD blieben infolge des Kalten Krieges weitgehend aus.

Die Erweiterung des Stahlwerks des VEB Maxhütte in Unterwellenborn führte zur steigenden Zahl der Arbeiter*innen vor Ort. Das nach Plänen von Josef Kaiser errichtete Kulturhaus reagierte auf den wachsenden Bedarf an Kultur- und Freizeiträumen. Zusätzlich wurde ab 1950 bei Fürstenberg (Oder) das Eisenhüttenkombinat Ost (EKO) errichtet. Dort entstand das Großprojekt „Erste Sozialistische Stadt“, aus dem 1953 Stalinstadt hervorging, die seit 1961 Eisenhüttenstadt heißt. Für 25.000 Einwohner*innen geplant, mit zentraler Magistrale und repräsentativen Wohnbauten, wurde sie zum Symbol des sozialistischen „Aufbaus aus eigener Kraft“. Anfang 1952 berief die Deutsche Bauakademie Josef Kaiser zum Leiter der Entwurfsgruppe VI in Fürstenberg. Ab Herbst desselben Jahres verantwortete er als Chefarchitekt die Planung und Ausführung des II. Wohnkomplexes.

Ungebaute Visionen

Ab den späten 1960er Jahren entwarf Josef Kaiser weitreichende Modelle für Stadt, Architektur und gesellschaftliches Zusammenleben. Er ging der Frage nach, wie sich für eine wachsende Bevölkerung eine urbane, lebenswerte Umgebung schaffen und zugleich wirtschaftlich bauen ließe. In seiner Studie „Die sozialistische Stadt als Modellfall“ von 1967 entwarf er eine sozialistische Perspektive auf die damals international diskutierten Megastrukturen. Die terrassierte Anlage „Großhügelhaus“ sollte Wohnen, Arbeiten und Gemeinschaftseinrichtungen verbinden. Die Wohnungen lagen an den Außenfassaden, die Arbeitsbereiche im Inneren. Ein eigenes Verkehrssystem sollte Fußgänger-, Auto- und Schienenverkehr trennen.

Auch sein Entwurf für das Stadtzentrum Schwerin zielte auf neue Formen des Bauens. Die Wohnhäuser sollten vor Ort in Betonbauweise entstehen statt aus vorgefertigten Platten. Das Verfahren setzte sich jedoch nicht durch, da die Großtafelbauweise eine effizientere Massenproduktion ermöglichte.

Hinzu kam die geplante Erweiterung des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten als Beitrag zu einer repräsentativen Weiterentwicklung des Regierungszentrums. Alle drei Projekte blieben unrealisiert, zeigen aber den utopischen Horizont seines Denkens. Ihre Wirkung entfalteten sie vor allem in der Lehre und im architektonischen Diskurs.